Du dämlicher Busfahrer

Gewalt

Wer einen Bus im öffentlichen Verkehr lenkt ist sich gewohnt, Zielscheibe der Projektionen seiner Kunden zu sein. Schliesslich hat die hinten sitzende oder stehende Klientel ausreichend Zeit, den Fahrstil und Charakter ihres Chauffeurs zu studieren. Wenn dann dem Fahrgast der Fahrstil zu ruppig oder der Fahrer unsympathisch ist, bieten heute Soziale Medien die Gelegenheit zur Instant-Psychohygiene:

Andere greifen zu humorvoll-subtilen Äusserungen um dem Fahrer via Twitter mitzuteilen, dass er sich doch bitte etwas beeilen soll:

Und dann gibts die, die so verärgert sind, dass sie sich hinsetzen und dem Chef des Busbetriebs eine E-Mail schreiben. Das liest sich dann beispielsweise so:

Pünktlichkeit ist für euch ein verdammtes Fremdwort!!!! :-@

Wiedermal ist der letzte Bus (…) zu früh gefahren! Da hatte es die jeweilige Person am Steuer wohl eilig in den Feierabend zu kommen??! (…)

Das war nun in kuerzester Zeit das 3 oder 4 mal!
Jetzt Reichts!!

Ihr seid ein echter Lumpenverein, soviel ist schon mal sicher!

Unfreundliche Gruesse
(…)

Ich möchte nicht in Abrede stellen, dass es vorkommt, dass ein Linienbus mal zu früh an einer Haltestelle vorbeifährt. Insbesondere zu Randzeiten, wenn der Fahrplan, mit dem man in der Stosszeit mindestens 5 Minuten Verspätung hat, einem so viel Zeit gibt, als Verkehrshindernis mit 40 km/h innerorts und 60 km/h ausserorts die übrigen Verkehrsteilnehmer zu ärgern oder bei jeder 5. Haltestelle einen kurzen Halt einzulegen, um nicht zu früh unterwegs zu sein. Und 30 Sekunden zu früh ist schlimmer als 5 Minuten zu spät – insbesondere für den Fahrgast, der notorisch 5 Sekunden vor der Abfahrtszeit oder auch mal 20 Sekunden zu spät an der Haltestelle erscheint.

Am gleichen Tag, an dem die oben zitierten Zeilen in unserem Betrieb eintrafen, machte ich ohne Wissen Bekanntschaft mit dem Briefeschreiber. Wir hatten damals in unserem Busbetrieb noch die Praxis, dass die Chauffeure von allen einsteigenden Fahrgästen die Fahrkarte einzusehen hatten, selbstverständlich inklusive allfällig erforderlicher Abos. Erst vor wenigen Monaten haben wir auf Selbstkontrolle umgestellt.

Beim Einsteigen zeigte mir unser unzufriedener Kunde sein sein Abo mit dem Vermerk „Junior (1/2)“, weshalb ich mir die Bemerkung erlaubte: „Dazu müsste ich jetzt eigentlich noch ein Halbtax-Abo sehen“. Mein erst im Nachhinein erkannter Irrtum lag darin, dass er für sein Abo kein Halbtax brauchte, doch hätte ich das Recht gehabt, eine ID zu verlangen zur Kontrolle, dass er nicht älter als 25 Jahre ist. Mein Irrtum wäre insofern kein Problem gewesen, als ich ohnehin nicht beabsichtigte, irgendeinen Ausweis einzusehen, was ich auch mit der Formulierung „ich müsste jetzt eigentlich“ auszudrücken meinte.

Doch für solche Nuancen hatte mein von eiligen, unflätigen und inkompetenten Buschauffeuren geplagte Fahrgast kein Gehör. Er wurde aggressiv, beleidigend und ausfällig, und er hinderte mich an der Weiterfahrt. Als der Fahrplan immer stärker drängte, wies ich ihn nach hinten mit der zugegeben unwisch geäusserten Bemerkung, er solle sich nun bitte setzen; ich hätte für diesen Unsinn keine Zeit. Ganz sicher war ich gereizt, ganz sicher habe ich aber auch keine Fluchwörter und Beleidigungen von mir gegeben (s. unten).

Am nächsten Tag traf die nächste E-Mail des jungen Herrn ein. Bezug nehmend auf seine letzte Mail begann er:

Eigentlich wollte ich es auf sich beruhen lassen… Aaaaaber Jetzt kommts noch besser!

Der Busfahrer, der heute den 14:30 Bus gefahren ist hat mich trotz meines Streckenabos nach meinem Halbtax gefragt. (…) Als ich mich nach seinem Namen erkundigt habe, bekam ich als Antwort : “ goht sie en schissdreck ah“ … Ist das also Kundenfreundlichkeit? Schämen sollte sich dieses A…loch!

Mir egal was er dazu meint, beim naechsten versuch mich zu beleidigen antworte ich mit Gewalt! Jetzt ist das Fass voll! (…)

Dass solche Menschen ueberhaupt einen Job mit Kontakt zu Menschen ausüben dürfen ist mir ein Rätsel.

Müssen wir uns also wegen kleinster Fehler von unflätigen Fahrgästen bedrohen lassen? Ich finde nicht. Von einer Strafanzeige wegen Drohung sah ich nur wegen des mir blühenden Aufwands ab.


Solche Episoden gehören zum Glück nicht zu meinem Busfahrer-Alltag. Unsere Kundschaft ist, wie die Thurgauer es für gewöhnlich sind, überwiegend nett und geduldig. Beim Einsteigen in den Bus wird man denn auch von den meisten Fahrgästen freundlich zurückgegrüsst. Und nicht nur im Thurgau:

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Bei Vollbremsung Lebensgefahr

Wenn der Busfahrer das nächste Mal eine Vollbremsung macht, dann sorge ich dafür, dass er durch die Windschutzscheibe fliegt.

So ähnlich lautete vor einigen Monaten ein (leider nicht mehr auffindbarer) Tweet in meinem Twitter-Feed. Der Begriff „Vollbremsung“ ist in diesem Kontext als metaphorische Übertreibung zu verstehen, denn bei einer richtigen Vollbremsung fliegen die Passagiere schon bei niedrigem Tempo von hinten nach vorne durch den ganzen Bus und auch mal durch die Frontscheibe. Für die Passagiere besteht durchaus Lebensgefahr. Für jeden Busfahrer eine sehr grosse Verantwortung, der sich jeder Chauffeur bewusst ist, auch wenn dies nicht immer alle Passagiere so wahrnehmen.

Eine richtige Vollbremsung musste ich in meiner Busfahrerkarriere bislang zum Glück noch nicht hinlegen, allerdings hatte ich einen Zwischenfall, der einer solchen nahe kam: Auf dem Trottoir fuhr ein Velofahrer. Oftmals warnt einen der Instinkt vor unberechenbarem Verhalten anderer Verkehrsteilnehmer – in diesem Fall wars leider nicht so. Obwohl ich hundertprozentig aufmerksam war (das ist man im Stossverkehr 40 Leuten hinten im Bus immer), rechnete ich in keiner Weise damit, dass der Velofahrer völlig unvermittelt und ohne ersichtlichen Grund (das Trottoir war frei) sowie ohne Blick nach hinten auf die Strasse schwenkt, direkt vor, oder schon fast neben meinem Bus, sprich unmittelbar vor das Vorderrad. Hätte er mich gestreift und wäre dabei gestürzt, hätte das fatal ausgehen können.

Ich tat das, was meine Passagiere hinten vermutlich als „Vollbremsung“ wahrnahmen, aber noch nicht annähernd eine solche war: Für einen kurzen Moment trat ich kräftig aufs Bremspedal und verhinderte so eine Kollision, wobei es buchstäblich um Zentimeter ging. Dass niemandem etwas ernsthaftes passiert war, darf als Glücksfall bezeichnet werden. Bei einer richtigen Vollbremsung wäre es wohl anders ausgegangen.

Der Velofahrer fuhr übrigens ohne merkbare Reaktion weiter. Ich nehme an, dass er von dem Vorfall überhaupt nichts bemerkt hatte.

Im Stossverkehr zählt jede Sekunde

Aus diesen Gründen machen Busfahrer nicht einfach so „Vollbremsungen“, denn jeder halbwegs verantwortungsvolle Chauffeur (die überwiegende Mehrzahl) ist sich der Folgen zu starken Bremsens bewusst. Dass Haltestellen und Stopps von manchen Chauffeuren scharf angefahren werden, was für Passagiere äusserst unangenehm ist, mag am Charakter des Chauffeurs liegen – oder aber an Fahrplänen, die insbesondere zu Stosszeiten oftmals zu knapp bemessen sind. Hat man mal eine Verspätung von nur wenigen Minuten, ist diese auf offener Strecke nicht mehr gut zu machen. Damit die Passagiere ihre Anschlüsse erreichen, zählt manchmal jede Sekunde, und zwar buchstäblich.

Der Chauffeur hat kaum Möglichkeiten, Verspätungen wieder gutzumachen: Die Beschleunigung des 18-Tonnen-Gefährts ist begrenzt; der Tempolimit gilt absolut (und wird von keinem Chauffeur, den ich kenne, notorisch überschritten). Man kann ein bisschen schneller durch die Kurven fahren, wobei hier der Bus weit mehr verträgt als die meisten Passagiere. Und eine weitere Möglichkeit, ein paar Sekunden schneller zu sein, liegt im brüsken Anfahren von Stopps und Haltestellen. Degressives Bremsen (zu Beginn des Bremsvorgangs stärker, gegen Schluss weniger stark bremsen) macht diesen Vorgang für die Passagiere ein bisschen weniger unangenehm, behaglich ist es selbstverständlich nie. Die meisten Passagiere sind jedoch ihrem Chauffeur dankbar, wenn er sich bemüht, ihre Anschlüsse noch zu erreichen – auch wenn sie dies anschliessend nicht unbedingt twittern oder ins Facebook schreiben.

Überladene Fahrpläne – geforderte Busfahrer

Es ist leider so: Wer eine gemütliche Busfahrt will, bucht am besten eine Werbefahrt für Senioren. Der ÖV ist dafür nicht unbedingt der richtige Ort. Ich will nicht bestreiten, dass dies auch mal am Fahrer liegen kann. Die Hauptursache liegt jedoch in überladenen Fahrplänen: Hier noch eine Haltestelle rein, dort noch einen Zugsanschluss „garantieren“. Dann wird hier noch ein Kreisel gebaut und dort noch eine neue 30er-Zone eingerichtet, vielleicht noch mit der einen oder anderen Schwelle dazwischen, freilich ohne Anpassung der Fahrpläne. An einem regnerischen Sonntag Nachmittag ist das alles kein Problem. Am Montag Morgen um 7 Uhr reichts dann aber mit dem exakt gleichen Fahrplan irgendwann halt nicht mehr.

Ich warte nun noch immer darauf, ich in meinem Twitter-Feed folgenden Satz zu lesen:

Danke, lieber Busfahrer, dass ich dank deiner effizienten und sicheren Fahrweise meinen Anschlusszug noch erreicht habe.

😉