Wo ist hier der Aldi?

oder:

Von kleinen und grossen Ärgernissen eines Busfahrers

Schon klar: Fahrgäste ärgern sich ab und an über ihren Busfahrer. Manchmal beruht das aber auf Gegenseitigkeit: Auch als Chauffeur ärgert man sich zuweilen über bestimmte Fahrgäste. Manchmal sind das kleine, manchmal auch grosse Ärgernisse. Meistens sind sich die Fahrgäste wohl gar nicht bewusst, dass sie den Chauffeur gerade ärgern. Darum hier eine kleine, nicht immer ganz ernst gemeinte Anleitung für Fahrgäste.

Der Mensch hat leider die unglücklich machende Tendenz, sich aufs Negative zu fokussieren und dabei das Positive zu vergessen. An die zwei Autofahrer, die mir den Weg abgeschnitten haben, erinnere ich mich nach Feierabend, oft aber nicht mehr an die 20, die für mich am gleichen Tag auf ihr Vortrittsrecht verzichtet haben.

Ähnlich ist es mit den Fahrgästen: So darf ich vorausschicken, dass wir in der Kleinstadt, in der ich meinen Bus lenke, ausgesprochen anständige Fahrgäste haben. Oft kommt es vor, dass ich nach einer mehrstündigen Schicht mit mehreren Hundert Fahrgästen und 200 zurückgelegten Kilometern abends nur den Staub zusammenwischen und kein einziges Papierfetzchen zusammen lesen muss. Dafür gebührt unseren Fahrgästen mein grosser Dank!

Dennoch soll es in diesem Artikel um die anderen gehen: Um die, an die ich nach Feierabend noch denken muss, und zwar aus unangenehmen Gründen.

Hier eine eine kurze Sammlung grosser und kleiner Ärgernisse aus Sicht eines Busfahrers.

Nicht alle Ärgernisse sind gleich schlimm. Den Grad des Ärgernisses habe ich daher nach der Überschrift mit einer Skala von 1–10 bewertet (1: eigentlich überhaupt nicht schlimm; 10: grober Verstoss gegen alle Höflichkeitsgegeln und vielleicht sogar gegen das Gesetz).

Fahrt dää uf… ? (Ärgernisgrad 1)

Oft werde ich durch die offene Türe mit dem Satz angesprochen: «Fährt der nach…?» Anfangs musste jeweils noch eine kurze Sekunde nachdenken, wer mit «der» wohl gemeint sein könnte. Heute weiss ich, dass die Leute den Bus meinen. Der Bus hat aber einen Fahrer, und ohne den fährt der Bus nirgendwo hin. Seien Sie doch so höflich und sprechen Sie Ihren Busfahrer als Person an, also in etwa: «Entschuldigung, fahren Sie nach…?» Sie werden dann von Ihrem Busfahrer eine hoffentlich ebenso nette Antwort kriegen.

Wo ist hier der Aldi? (Ärgernisgrad 1)

Ich bin Busfahrer, keine Tourist-Info. Das heisst nicht, dass ich nicht gerne auch solche Auskünfte gebe – sofern ich kann. Wir fahren mit unseren Bussen durch mehrere Ortschaften. In manchen kenne ich mich besser aus, in anderen weniger. Wenn Ihr Busfahrer also nicht weiss, wo hier nun grad der Aldi/das Altersheim/das Restaurant Sternen ist, halten Sie Ihren Busfahrer bitte nicht für blöd.

Sich in der Bushaltestelle verstecken (Ärgernisgrad 5)

Es gibt Fahrgäste, die sich regelrecht im Wartehäuschen verstecken, wenn der Bus kommt. Immer wieder mal passiert es mir, dass ich an einer Haltestelle schon fast vorbeigefahren bin und sehe, dass da ja doch noch jemand wartet. Bitte zeigen Sie sich doch, wenn der Bus kommt. Sie riskieren dann auch weniger, dass der Bus versehentlich an Ihnen vorbeifährt, was leider vorkommt und, wie ich sehr gut nachvollziehen kann, ein grosses Ärgernis für den Fahrgast bedeutet. (Übrigens: In England zum Beispiel fährt der Bus immer an Ihnen vorbei, wenn Sie sich nicht dem Fahrer zeigen und ihm ein Handzeichen geben.)

Besonders bei Dunkelheit ist es übrigens wichtig, an der Haltestelle ein bisschen auf sich aufmerksam zu machen. Möglicherweise machen Sie sich keine Vorstellung davon, wie schwierig es für den Fahrer manchmal ist, nachts Leute an der Haltestelle zu erspähen, vor allem wenn sie auch noch dunkel gekleidet sind. Tipp: Wenn Sie bei Dunkelheit an der Bushaltestelle stehen und den Bus kommen sehen, schwenken Sie doch ihr eingeschaltetes Handy. Das Licht des Bildschirms genügt bereits; noch besser ist die Taschenlampe.

Während der Fahrt mit dem Chauffeur sprechen (Ärgernisgrad 3)

Manche Chauffeure sprechen gerne während der Fahrt mit ihren Fahrgästen, andere weniger. Ich gehöre zu letzteren. Das heisst nicht, dass ich deswegen meine Fahrgäste nicht mag, sondern liegt darin begründet, dass mein Job von mir 100 Prozent Konzentration abverlangt. Dabei gibt es zwei Ebenen:

  1. die Verkehrssicherheit
  2. alles Übrige

Machen Sie sich keine Sorgen: Die Verkehrssicherheit ist auch gewährleistet, wenn Sie mit dem Chauffeur sprechen, denn hier hat er seine Antennen stets voll ausgefahren. Für «alles Übrige» braucht er den Rest seiner Konzentration. Wenn Sie den Chauffeur während der Fahrt durch (unerwünschte) Gespräche ablenken, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass er zum Beispiel mal in einem Wartehäuschen mal einen gut versteckten Fahrgast übersieht (s. oben).

Wenn Sie unbedingt mit dem Chauffeur sprechen möchten, fragen Sie ihn doch einfach, ob ihm das genehm ist, und interpretieren Sie ein «Nein» nicht als Unhöflichkeit, sondern als professionelles Verhalten eines Busfahrers, der seinen Job ernst nimmt und gut machen will.

Fahrplanauskünfte (Ärgernisgrad 1)

Als Buschauffeur bin ich kein Kursbuch. Natürlich kenne ich unsere eigenen Abfahrtzeiten oder kann diese bei Bedarf kurz nachschlagen. Wenn Sie Auskünfte verlangen, die darüber hinausgehen, seien Sie bitte nicht böse auf den Buschauffeur oder halten Sie ihn nicht für einen Idioten, wenn er sie Ihnen nicht geben kann.

Mit der Hunderternote ein Billett für 3.10 Fr. bezahlen (Ärgernisgrad 5)

Das können Sie natürlich schon machen. Anfang Monat allerdings nur, wenn Sie der erste oder zweite sind. Danach ist mein Stock von 300 Fr. aufgebraucht und ich kann dann überhaupt kein Rückgeld mehr geben, bevor ich nicht auf die Bank oder an den Kiosk gehe (und dort sehr nett frage) und die Hunderternoten wieder in kleinere Scheine wechsle.

Mit 5er- und 10er-Münzen ein Billett für 15 Fr. bezahlen (Ärgernisgrad 1–5)

Können Sie natürlich auch machen, und offen gesagt bin ich auch immer wieder froh um Kleingeld. Gewisse Leute, die gerade ihr Sparschwein geschlachtet haben, sprengen allerdings manchmal den Rahmen. Sie müssen wissen, dass ich die vielen Dutzend Münzen fein säuberlich in meine Kasse einsortiere, bevor ich weiterfahre, da es mich während der Fahrt zu stark vom Verkehr ablenken würde und ich am Ende der Fahrt auch keine herumliegenden Münzen auf dem Boden zusammenlesen will. Das Einsortieren kann locker eine Minute Zeitverlust kosten. In der Stosszeit, wenn es darum geht, einen Anschluss noch zu kriegen, kann das ziemlich viel Zeit sein. Sie können sich dann während der Fahrt überlegen, ob die bösen Blicke der übrigen Fahrgäste eher Ihnen oder eher mir gelten.

In der Stosszeit das Monatsabo lösen (Ärgernisgrad 5)

Auch das können Sie selbstverständlich machen, weil es zu unserem Service gehört. Bitte halten Sie dann aber Ihre Grundkarte bereit, dich zum Lösen Ihres Abos brauche, damit der ganze Prozess nur zwei und nicht sogar drei Minuten dauert. Aber keine Sorge: Wenn andere Fahrgäste deswegen Ihren Anschluss verpassen, geht das auf meine Kappe.

Wie gesagt, das Lösen des Monatsabos gehört zu unserem Service. Vielleicht können Sie es trotzdem so arrangieren, dass Sie das Monatsabo zu einer Zeit lösen, in der verkehrsmässig nicht so viel los ist. Ihr Chauffeur und die übrigen Fahrgäste werden es Ihnen danken.

Dem Chauffeur beim Rollstuhl-Schieben zuschauen (Ärgernisgrad 3; bei jungen, gesunden Fahrgästen 7)

Klar, Sie müssen behinderten Fahrgästen beim Einsteigen in und Aussteigen aus dem Bus nicht helfen, dies ist die Aufgabe des Chauffeurs. Ich tue das auch immer sehr gerne. Mit Blick auf den Fahrplan müssen Sie sich allerdings darüber klar sein, dass diese Prozess mehrere Minuten dauern kann, wenn der Chauffeur ihn erledigt: Nach hinten gehen, Klappe runter lassen, den Rollstuhl hineinschieben (und gegebenenfalls schauen, dass er auch richtig steht), Klappe wieder schliessen, wieder nach vorne gehen, anschnallen (ja, das mache ich immer) Türen schliessen und weiterfahren. Beim Aussteigen noch einmal die gleiche Prozedur.

Zusammengezählt kann das locker mal fünf Minuten dauern, was bei Fahrplandruck sehr viel Zeit ist. Wir haben immer wieder mal behinderte Fahrgäste und ich staune jeweils, wie viele Fahrgäste mir bei dieser Prozedur zuschauen und nicht auf die Idee kommen, selber mal den Arsch vom Sitz zu heben. Nun ja, auch wenn es mir als Chauffeur unangenehm ist, aber an der Endhaltestelle bin nicht ich derjenige, der dort den Zug verpasst.

Abfall auf dem Boden liegen lassen (Ärgernisgrad 8)

Ich habe oben erwähnt, wie anständig die Fahrgäste bei uns sind. Das bedeutet nicht, dass es keine Ausnahmen gibt. Es ist sehr unangenehm für die übrigen Fahrgäste und ein Ärgernis für mich, wenn ich an den Endhaltestellen oder abends den Müll anderer Leute zusammenlesen muss.

Im Bus auf den Boden spucken (Ärgernisgrad 10)

Auch schon erlebt, leider.

Nulltoleranz bei kleinen Fehlern des Chauffeurs (Ärgernisgrad 10+)

Wir sind alle Menschen und machen Fehler. Auch Ihrem Chauffeur kann das passieren. Bleiben Sie bei kleinen Fehlern des Chauffeurs doch bitte trotzdem anständig, machen Sie den Chauffeur höflich auf seinen Fehler aufmerksam, beleidigen Sie ihn nicht und drohen Sie ihm nicht mit Gewalt. Letzteres ist übrigens ein Strafbestand und kann bei der Polizei zur Anzeige gebracht werden. Diese nimmt solche Anzeigen in der Regel sehr ernst.

Alles in allem haben wir bei uns sehr nette Fahrgäste: Oft kommt es auch nach langen Schichten vor, dass das der ganze Abfall ist, den ich abends zusammenlesen muss.

Die meisten Bilder in diesem Beitrag stammen aus meinem persönlichen Instagram-Archiv.

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