Den Verstand verlassen

War gestern Vollmond oder was? An manchen Tagen fragt man sich schon, was in manche Leute gefahren ist. Folgende Begebenheiten ereigneten sich alle gestern auf einem einzigen Kurs, hin und zurück, während einer knappen Stunde.

Nicht wirklich einen Fehler gemacht hat das rund 10-jährige Mädchen, das bei mir in den Bus einstieg – leider in der falschen Richtung. Sie wollte bei mir noch ein Billett Richtung A lösen, doch fuhr ich leider nach B. So erklärte ihr, welchen Bus sie an der Haltestelle in der Gegenrichtung nehmen muss, und dass sie gut auf die Beschriftung achten solle, weil an der Haltestelle Busse in verschiedene Richtungen fahren. Und weg war sie, mit höflichem Dank.

Solche Dinge brauchen Zeit, und auch kleinere Zeitverzögerungen sind für Einhaltung des Fahrplanes zentral, denn eine auch eine halbe Minute kann für die Fahrgäste entscheidend sein, ob sie einen Anschluss schaffen oder nicht. Auf unseren Strecken haben wir auch mehrere „inoffizielle Anschlüsse“. Das bedeutet, die Anschlüsse sind im Fahrplan nicht vorgesehen, da zu knapp, aber trotzdem zu schaffen, wenn wir pünktlich unterwegs sind. Nur fahren wir mit dem Bus in der Stosszeit aber oft mit 3–5 Minuten Verspätung auf den Fahrplan, und dann wird es knapp mit diesen Anschlüssen. Vorfälle wie mit dem kleinen Mädchen sorgen für zusätzliche Verzögerungen, Baustellen auf der Strecke ebenfalls.

Wenn ich dann mit drei Minuten Verspätung an einer solchen Haltestelle ankomme, haben es die Leute eilig. Manche so eilig, dass sie ihr Leben riskieren. Eine junge Frau stieg aus meinem Bus und rannte auf der Jagd nach ihrem Zuganschluss vor mir über die Strasse, ohne auf den Verkehr zu achten. Ein Autofahrer der gerade an mir vorbei fuhr, ohne in der 60er-Zone seine Fahrt zu verlangsamen, konnte nur noch mit einer Vollbremsung einen schweren Unfall verhindern.

Haltestelle vor Bahnhof

Rechts die Haltestelle, links der Bahnhof. Wer hier einen stehenden Bus ohne besondere Vorsicht überholt, sollte sich nicht wundern, wenn plötzlich ein Fussgänger vor ihm steht. (Bild: Google Earth)

Rund 10 Sekunden liessen die Zeugen dieses Vorfalls perplex das Standbild der Szenerie auf sich einwirken: Der nicht mehr ganz so eilige Autofahrer, die Fussgängerin, immer noch vor dem Wagen stehend und allmählich realisierend, was ihr beinahe passiert wäre, die übrigen ausgestiegenen Fahrgäste auf der Strasse mit geschocktem Blick, und ich, froh darüber, meine Fahrt fortsetzen zu können, ohne zuvor eine plattgefahrene Fussgängerin von der Strasse auflesen zu müssen. Nur meisten die Fahrgäste in meinem Bus scheinen von dem Vorfall nichts mitgekriegt zu haben und waren in ihre Handys vertieft.

Nicht nur der jungen Frau ist ein Vorwurf zu machen. Auch wer einen an einer Haltestelle stehenden Bus ohne besondere Vorsicht und nicht mal ohne langsamer zu fahren überholt, hat offenbar alles, was er in der Fahrschule mal gelernt hat, wieder vergessen. (Wir haben auf unseren Strecken auch eine Haltestelle, wo wir trotz durchgezogener Sicherheitslinie und Fussgängerstreifen regelmässig von Autofahrern überholt werden, was schwer verboten ist.)

An der Endhaltestelle überreicht mir eine Frau ein Handy, das jemand anders liegengelassen hatte. Eine andere Frau im Bus sagte, sie kenne die Person, die an dem Sitz gesessen hatte. Mit dem Versprechen, nicht ohne sie loszufahren, bat ich sie darum, der Person nachzulaufen. Sie tat es, aber das Handy gehörte jemand anderem. Wieder drei Minuten verloren. Während der Fahrt klingelte das Handy dann mehrmals in meiner Tasche. Als ich während eines Klingelns zufällig an einer Haltestelle stand konnte ich es kurz abnehmen und der sehr dankbaren Frau sagen, dass sie es im Büro unseres Busbetriebes abholen könne. Gern geschehen.

Gibt es vielleicht Autofahrer, die sich darüber wundern, warum immer mehr Bushaltestellen keine eigens eingerichteten Buchten mehr haben und die Busse auf der Fahrspur warten? Ganz einfach: Weil es für den Bus zeit- und stellenweise sehr schwierig ist, die Busbucht wieder zu verlassen, da es Autofahrer gibt, die auch Unfälle riskieren, um einen wegfahrenden Bus noch schnell zu überholen.

An Haltestellen ohne Busbucht fahre ich nach Möglichkeit manchmal etwas aufs Trottoir, um den Verkehr besser vorbeifliessen zu lassen, denn es geht uns ja nicht darum, die Autofahrer zu schikanieren (auch wenn mancher Autofahrer das manchmal denken mag). Zur Hälfte auf der Strasse stehend, sollte es kein Problem sein, wieder wegzufahren – dachte ich bis gestern. In einer solchen Situation wollte ich wieder von meiner Haltestelle wegfahren. Zwei Autos liess ich noch an mir vorbeiziehen. Vor dem dritten, der mit etwas Abstand folgte, stellte ich den Blinker und wollte losfahren. Doch während ich wieder ganz auf die Strasse fuhr, gab dieser Gas um mit sehr knappem Abstand an mir vorbeizufahren. Zum Glück passt meistens einer noch auf – in diesem Fall wars der Busfahrer. Der Täter fuhr einen Lieferwagen mit italienischem Nummernschild und bog 100 Meter weiter rechts ab. Cretino! Sei uscito di senno?

Wieder ein Arbeitstag ohne Unfall. Gar nicht immer so selbstverständlich.

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Gefährliche Rücksichtslosigkeit

„Ein Autofahrer hat in der Münchner Innenstadt einen [Linienbus] zur Vollbremsung gezwungen. Das hatte Folgen: Vier Schüler wurden verletzt, ein Mädchen stürzte durch eine Glastrennscheibe“, ist in einer Zeitungsmeldung aus München nachzulesen.

Man sollte das Wort „Idiot“ im Strassenverkehr zurückhaltend verwenden, weil man aus der Perspektive anderer Verkehrsteilnehmer jederzeit selber ein solcher sein kann. In diesem Fall ist der Term aber vollkommen abgebracht. Der Täter ist flüchtig – es ist zu hoffen, dass sie ihn bald erwischen.

Das Erlebnis kommt mir (und wohl den meisten Busfahrern) bekannt vor. Der Velofahrer, der mir vor einiger Zeit ebenso lebensgefährlich vor den Bus fuhr und mich zu einer brüsken Bremsung zwang, (wenn auch im Gegensatz zum Autofahrer in München ohne böswillige Absicht) fuhr damals weiter, als ob nichts passiert wäre. Gut möglich, dass er den Vorfall nicht mal bemerkt hatte. Bei mir gings damals zum Glück glimpflicher aus als gestern in München.