Bei Vollbremsung Lebensgefahr

Wenn der Busfahrer das nächste Mal eine Vollbremsung macht, dann sorge ich dafür, dass er durch die Windschutzscheibe fliegt.

So ähnlich lautete vor einigen Monaten ein (leider nicht mehr auffindbarer) Tweet in meinem Twitter-Feed. Der Begriff „Vollbremsung“ ist in diesem Kontext als metaphorische Übertreibung zu verstehen, denn bei einer richtigen Vollbremsung fliegen die Passagiere schon bei niedrigem Tempo von hinten nach vorne durch den ganzen Bus und auch mal durch die Frontscheibe. Für die Passagiere besteht durchaus Lebensgefahr. Für jeden Busfahrer eine sehr grosse Verantwortung, der sich jeder Chauffeur bewusst ist, auch wenn dies nicht immer alle Passagiere so wahrnehmen.

Eine richtige Vollbremsung musste ich in meiner Busfahrerkarriere bislang zum Glück noch nicht hinlegen, allerdings hatte ich einen Zwischenfall, der einer solchen nahe kam: Auf dem Trottoir fuhr ein Velofahrer. Oftmals warnt einen der Instinkt vor unberechenbarem Verhalten anderer Verkehrsteilnehmer – in diesem Fall wars leider nicht so. Obwohl ich hundertprozentig aufmerksam war (das ist man im Stossverkehr 40 Leuten hinten im Bus immer), rechnete ich in keiner Weise damit, dass der Velofahrer völlig unvermittelt und ohne ersichtlichen Grund (das Trottoir war frei) sowie ohne Blick nach hinten auf die Strasse schwenkt, direkt vor, oder schon fast neben meinem Bus, sprich unmittelbar vor das Vorderrad. Hätte er mich gestreift und wäre dabei gestürzt, hätte das fatal ausgehen können.

Ich tat das, was meine Passagiere hinten vermutlich als „Vollbremsung“ wahrnahmen, aber noch nicht annähernd eine solche war: Für einen kurzen Moment trat ich kräftig aufs Bremspedal und verhinderte so eine Kollision, wobei es buchstäblich um Zentimeter ging. Dass niemandem etwas ernsthaftes passiert war, darf als Glücksfall bezeichnet werden. Bei einer richtigen Vollbremsung wäre es wohl anders ausgegangen.

Der Velofahrer fuhr übrigens ohne merkbare Reaktion weiter. Ich nehme an, dass er von dem Vorfall überhaupt nichts bemerkt hatte.

Im Stossverkehr zählt jede Sekunde

Aus diesen Gründen machen Busfahrer nicht einfach so „Vollbremsungen“, denn jeder halbwegs verantwortungsvolle Chauffeur (die überwiegende Mehrzahl) ist sich der Folgen zu starken Bremsens bewusst. Dass Haltestellen und Stopps von manchen Chauffeuren scharf angefahren werden, was für Passagiere äusserst unangenehm ist, mag am Charakter des Chauffeurs liegen – oder aber an Fahrplänen, die insbesondere zu Stosszeiten oftmals zu knapp bemessen sind. Hat man mal eine Verspätung von nur wenigen Minuten, ist diese auf offener Strecke nicht mehr gut zu machen. Damit die Passagiere ihre Anschlüsse erreichen, zählt manchmal jede Sekunde, und zwar buchstäblich.

Der Chauffeur hat kaum Möglichkeiten, Verspätungen wieder gutzumachen: Die Beschleunigung des 18-Tonnen-Gefährts ist begrenzt; der Tempolimit gilt absolut (und wird von keinem Chauffeur, den ich kenne, notorisch überschritten). Man kann ein bisschen schneller durch die Kurven fahren, wobei hier der Bus weit mehr verträgt als die meisten Passagiere. Und eine weitere Möglichkeit, ein paar Sekunden schneller zu sein, liegt im brüsken Anfahren von Stopps und Haltestellen. Degressives Bremsen (zu Beginn des Bremsvorgangs stärker, gegen Schluss weniger stark bremsen) macht diesen Vorgang für die Passagiere ein bisschen weniger unangenehm, behaglich ist es selbstverständlich nie. Die meisten Passagiere sind jedoch ihrem Chauffeur dankbar, wenn er sich bemüht, ihre Anschlüsse noch zu erreichen – auch wenn sie dies anschliessend nicht unbedingt twittern oder ins Facebook schreiben.

Überladene Fahrpläne – geforderte Busfahrer

Es ist leider so: Wer eine gemütliche Busfahrt will, bucht am besten eine Werbefahrt für Senioren. Der ÖV ist dafür nicht unbedingt der richtige Ort. Ich will nicht bestreiten, dass dies auch mal am Fahrer liegen kann. Die Hauptursache liegt jedoch in überladenen Fahrplänen: Hier noch eine Haltestelle rein, dort noch einen Zugsanschluss „garantieren“. Dann wird hier noch ein Kreisel gebaut und dort noch eine neue 30er-Zone eingerichtet, vielleicht noch mit der einen oder anderen Schwelle dazwischen, freilich ohne Anpassung der Fahrpläne. An einem regnerischen Sonntag Nachmittag ist das alles kein Problem. Am Montag Morgen um 7 Uhr reichts dann aber mit dem exakt gleichen Fahrplan irgendwann halt nicht mehr.

Ich warte nun noch immer darauf, ich in meinem Twitter-Feed folgenden Satz zu lesen:

Danke, lieber Busfahrer, dass ich dank deiner effizienten und sicheren Fahrweise meinen Anschlusszug noch erreicht habe.

😉

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